Verbringt die Familie den Urlaub am Strand, gibt es für Kinder neben dem Plantschen im kühlen Nass nichts schöneres, als Sandburgen zu bauen. Bis in die Mitte der 90er Jahre bauten nicht nur Kinder, sondern vor allem Väter und Großväter diese kleinen Kunstwerke aus Sand und Wasser, welche dann mit Muscheln, Steinen und Fähnchen verziert wurden. Was die Erwachsenen- und die Kinderversion unterschied, war die Absicht des Baus.
Kinder bauten Sandburgen, um etwas zum Spielen zu haben und um ihre Fantasie ausleben zu können. Väter und Großväter bauten im Gegensatz dazu keine Burgen, sondern zum größten Teil monumentale Sandwalle. Diese grenzten, ähnlich wie die chinesische Mauer, den Besitz der Familie klar und ersichtlich ein. Dieses Verhalten stillte nicht nur das männlichen und seit jeher angeborene Revierverhalten, sondern schaffte auch eine sichtbare Distanz zu den umliegenden Sonnenanbetern und vermittelte eine Art Geborgenheit und ein vertrautes Gefühl, welches sonst nur das eigene zu Hause vermittelte.
Waren in der Vergangenheit die Strände teilweise flächendeckend mit diesen „sandigen Abstandshaltern“ geschmückt, so findet man heute kaum noch eine Auswirkung des männlichen Revierverhaltens. Woran das liegt können sich selbst Wissenschaftler nicht zu 100% erklären. Vermutungen lassen jedoch darauf schließen, dass die ursprüngliche Schutzfunktion eines Sandwalls oder einer Sandmauer durch die Strandmuschel nahezu komplett abgelöst wird. Zudem ist das Bedürfnis nach der Abgrenzung des Besitzes weniger ausgeprägt als noch vor ein paar Jahren. Deutschland ist sicherer geworden, die Kriminalitätsrate ist gesunken und das merkt man eben auch an solch banalen Dingen, wie dem Fehlen von „Sandwänden“.